Ein Arbeitszeugnis klingt fast immer freundlich. Genau das ist die Falle: Weil Arbeitgeber verpflichtet sind, wohlwollend zu formulieren, steckt die eigentliche Bewertung nicht im offensichtlichen Wortlaut, sondern in einem festen Code aus Zufriedenheitsformeln, Auslassungen und Reihenfolgen. Wer diesen Code nicht kennt, hält ein Zeugnis mit der Note 4 leicht für ein gutes Zeugnis. Diese Anleitung zeigt Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie ein Arbeitszeugnis entschlüsseln, inklusive vollständiger Notenschlüssel-Tabelle und den wichtigsten Geheimcodes.
Warum Zeugnisse verschlüsselt sind
Nach § 109 der Gewerbeordnung hat jeder Arbeitnehmer Anspruch auf ein schriftliches Zeugnis, das wahr und zugleich wohlwollend sein muss.1 Diese beiden Pflichten stehen in einem natürlichen Spannungsverhältnis: Der Arbeitgeber darf nichts Falsches schreiben, aber auch nichts, was das Fortkommen unnötig erschwert. Die Lösung der Praxis ist eine verklausulierte Sprache, in der Kritik hinter positiv klingenden Floskeln versteckt wird. Ein erfahrener Personaler liest aus „zu unserer Zufriedenheit" sofort ein „ausreichend", während der Laie eine freundliche Aussage vermutet.
Das Bundesarbeitsgericht hat diese Codierung ausdrücklich bestätigt: Die Formel „zur vollen Zufriedenheit" bescheinigt eine durchschnittliche Leistung (Note 3).2 Auch die verbreitete Annahme, „gut" sei inzwischen der neue Standard, hat das Gericht zurückgewiesen: Wer eine bessere als die durchschnittliche Note verlangt, muss die überdurchschnittliche Leistung selbst darlegen.3
Notenschlüssel-Tabelle: Die Zufriedenheitsformel
Der wichtigste Baustein für die Entschlüsselung ist die zusammenfassende Leistungsbeurteilung. Sie steht meist am Ende des Leistungsteils. Die Note ergibt sich aus zwei Stellschrauben: dem Grad der Zufriedenheit und der zeitlichen Konstanz („stets", „jederzeit").
| Formulierung im Zeugnis | Schulnote | Was gemeint ist |
|---|---|---|
| „stets zur vollsten Zufriedenheit" | 1 (sehr gut) | Dauerhaft erstklassige Leistung |
| „stets zur vollen Zufriedenheit" | 2 (gut) | Konstant über dem Durchschnitt |
| „zur vollen Zufriedenheit" | 3 (befriedigend) | Durchschnitt |
| „stets zu unserer Zufriedenheit" | 3 (befriedigend) | Durchschnitt (konstant, aber nicht „voll") |
| „zu unserer Zufriedenheit" | 4 (ausreichend) | Deutliche Schwächen |
| „im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit" | 5 (mangelhaft) | Erwartungen überwiegend nicht erfüllt |
| „hat sich bemüht" | 6 (ungenügend) | Bemühen ohne Erfolg |
Die Faustregel: Jedes fehlende „stets" und jede fehlende Steigerung („vollste" statt „volle") kostet mindestens eine Notenstufe. Wie Sie aus allen Teilnoten die Gesamtnote berechnen, zeigen wir im Beitrag Arbeitszeugnis Note berechnen.
Schritt für Schritt: So entschlüsseln Sie Ihr Zeugnis
- Zufriedenheitsformel finden. Suchen Sie den zusammenfassenden Satz zur Leistung und ordnen Sie ihn der Tabelle oben zu. Das ist Ihre Kernnote.
- Verhaltensbeurteilung prüfen. Steht dort „stets einwandfrei" (gut) oder nur „einwandfrei" (befriedigend)? Und in welcher Reihenfolge werden Vorgesetzte, Kollegen und Kunden genannt?
- Schlussformel prüfen. Enthält sie Dank, Bedauern und Zukunftswünsche? Fehlt einer dieser Bausteine oder die ganze Formel, ist das ein Abwertungssignal. Details im Beitrag zur Schlussformel.
- Auf Auslassungen achten. Fehlt bei einer Vertrauensposition die Ehrlichkeit? Fehlt das Verhalten gegenüber Vorgesetzten? Das beredte Schweigen ist ein eigener Code.
- Geheimcodes gegenprüfen. Gleichen Sie einzelne Sätze mit der Liste unten ab.
Die wichtigsten Geheimcodes und ihre Bedeutung
Bewusst zweideutige negative Codes sind rechtlich unzulässig, weil das Zeugnis klar und verständlich sein muss.4 In der Praxis tauchen sie dennoch auf, teils aus Unwissen, teils mit Absicht:
- „Er war stets bemüht": Das Bemühen wird gelobt, nicht das Ergebnis. Übersetzung: erfolglos.
- „Sie zeigte Verständnis für ihre Arbeit": verstanden, aber nicht umgesetzt.
- „Er trug durch seine Geselligkeit zur Verbesserung des Betriebsklimas bei": klassischer Hinweis auf Alkohol oder viel Small Talk statt Arbeit.
- „Sie galt als tolerante Mitarbeiterin": deutet an, dass sie bei Vorgesetzten aneckte.
- „Alle Aufgaben wurden ordnungsgemäß erledigt": Dienst nach Vorschrift, keine Eigeninitiative.
- „Wir lernten ihn als umgänglichen Kollegen kennen": nur zwischenmenschlich gelobt, fachlich blass.
Reihenfolge und Auslassungen: Der versteckte Teil des Codes
Auch die Reihenfolge trägt Bedeutung. Bei der Verhaltensbeurteilung lautet die übliche Ordnung „Vorgesetzte, Kollegen, Kunden". Werden die Kollegen vor den Vorgesetzten genannt, lesen Personaler daraus Probleme mit der Führungsebene. Werden bei der Aufgabenbeschreibung Randtätigkeiten zuerst genannt, wirkt die Kernaufgabe abgewertet. Und was gänzlich fehlt, spricht Bände: Fehlt bei einer Kassiererin die Ehrlichkeit, entsteht sofort ein Verdacht. Die vollständige Systematik dieser Signale vertiefen wir im Beitrag zur Zeugnissprache und zeigen die typischen Formulierungen nach Notenstufen.
Zeugnis automatisch entschlüsseln lassen
Die Selbstauswertung kostet Zeit und setzt Übung voraus. Wenn Sie sicher wissen wollen, welche Note wirklich in Ihrem Zeugnis steckt, lassen Sie es Satz für Satz analysieren. Unsere Zeugnis-Analyse liest Ihr Zeugnis ein, benennt die Note jedes einzelnen Bausteins (Leistung, Verhalten, Schlussformel), deckt versteckte Abwertungen und fehlende Pflichtbestandteile auf und liefert Ihnen konkrete Formulierungsvorschläge für eine Korrektur. So erkennen Sie in Minuten, was ein Personaler in Sekunden sieht, und wissen genau, ob sich eine Zeugnisberichtigung lohnt.
Stiftung Warentest weist darauf hin, dass viele Zeugnisse Fehler und versteckte Abwertungen enthalten, die Beschäftigte ohne genaue Prüfung übersehen.5 Ein zu schlecht bewertetes Zeugnis kann Sie über Jahre Bewerbungen kosten. Deshalb lohnt der prüfende Blick, bevor Sie ein Zeugnis akzeptieren.
Fazit
Ein Arbeitszeugnis zu entschlüsseln bedeutet, drei Dinge zu lesen: die Zufriedenheitsformel (die Note), die Verhaltensbeurteilung samt Reihenfolge und die Schlussformel, ergänzt um alles, was fehlt. Wer den Notenschlüssel kennt, erkennt sofort, ob ein Zeugnis so gut ist, wie es klingt. Und da Ihnen ein wahres und wohlwollendes Zeugnis zusteht, müssen Sie schlechte Codes nicht hinnehmen.
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Quellen
- 1§ 109 Gewerbeordnung, Zeugnis (gesetze-im-internet.de)
- 2BAG, Urteil vom 18.11.2014, 9 AZR 584/13 (bundesarbeitsgericht.de)
- 3Osborne Clarke, „Gut" ist nicht das neue „Befriedigend" (osborneclarke.com)
- 4HENSCHE Arbeitsrecht, Geheimcode im Zeugnis (hensche.de)
- 5Stiftung Warentest, Arbeitszeugnis entschlüsseln (test.de)